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FOKUS
Frauen in der Reformation
Von Anfang an dabei

Die Reformation ist eine Geschichte voller Männer. Das heisst aber nicht, dass es keine ebenso mutigen und wortgewandten Frauen gab. Allein wurde deren Leben seltener aufgeschrieben. Ein paar Geschichten haben wir trotzdem.

Argula von Grumbach, 1492 – 1554
Anfangs deutet nichts im Leben der jungen fränkischen Adeligen Argula von Grumbach darauf hin, dass sie einmal im Rampenlicht stehen wird. Vielleicht liegt es in ihrer selbstständigen Bibellektüre begründet, dass sie schon früh beginnt, die Schriften Luthers und Melanchthons zu lesen. Sie gibt den beiden Reformatoren recht. 1523 greift sie zu Papier und Tinte: Als Frau fordert sie die hohen Professoren von Ingolstadt in einem geharnischten Brief zur öffentlichen Debatte mit ihr heraus.

Argulas klare Worte trafen den Nerv ihrer Mitmenschen. Zunächst ohne ihr Zutun wird der Brief als Flugschrift gedruckt. Zusammen mit weiteren Flugschriften 30'000 Exemplare, Auflagen, die sich mit denen Luthers vergleichen lassen. So wurde Argula fast über Nacht zu einer Berühmtheit. Dass keiner der mächtigen Männer sie einer Antwort für würdig befand, fällt dabei wohl am wenigsten ins Gewicht.

Argula von Grumbach
Elisabeth Cruciger

Elisabeth Cruciger, 1500 – 1535
Dass ihre Tochter als erste Liederdichterin der evangelischen Kirche in die Geschichte eingehen würde, war von den Eltern ganz bestimmt nicht beabsichtigt,
als sie die Reise vom Gut Meseritz in Pommern zum Prämonstratenserinnenkloster Marienbusch antraten. Das Kloster wurde zur Heimat der jungen Elisabeth
Cruciger. Als der spätere Reformator Johannes Bugenhagen in das nahe gelegene Kloster Belbuck als Lehrer kommt und Elisabeth mit reformatorischem Gedankengut
bekannt macht, folgt sie diesem Ruf. Sie verlässt die Klostermauern und findet im Haus Bugenhagen in Wittenberg Unterschlupf, bevor sie den Theologen
Caspar Cruciger heiratet. Als entlaufene Nonne hat sie alles verlassen, was ihre Existenz in der Gesellschaft sicherte. Doch die Musik ist ihr geblieben. In dieser Zeit dichtet sie ihr einzig erhaltenes Lied: « Herr Christ, der einig Gottes Sohn».
Jedes Jahr kurz nach dem Jahreswechsel wird ihr Lied angestimmt, das einzige Lied einer Frau der Reformationszeit im Evangelischen Gesangbuch in Deutschland,
Elsass-Lothringen, Österreich und Luxemburg.

Hille Feicken, ? – 1535
Hille Feicken hatte sich mit ihrem Mann vom friesischen
Städtchen Sneek aufgemacht, um ins entfernte
Münster zu ziehen. Das Ehepaar war – wie alle Täufer
damals – durch Briefe informiert worden, dass
Münster das « Neue Jerusalem » sei, an dem das Reich
Gottes Wirklichkeit werden sollte. Doch war die Stadt
(sonst meint man das Reich Gottes …) bedroht. Seit
Mai 1534 versuchte Fürstbischof Franz von Münster,
sie mit Gewalt einzunehmen.
Als Hille eine Predigt über die biblische Geschichte
der Judith hörte, fasste sie einen kühnen Plan. Judith
hatte sich ins feindliche Lager begeben und den
gefürchteten Feldherrn in seinem Zelt mit seinem
eigenen Schwert enthauptet. Als die Assyrer das aufgespiesste
Haupt ihres Feldherrn gesehen hatten, ergriffen
sie die Flucht.

Diese Geschichte wiederholen zu lassen, war Hilles
Plan. Alleine schlich sie sich in das Lager des Widersachers.
Doch ihr Plan platzte. Hille Feicken musste
für ihren missglückten Befreiungsversuch mit dem
Leben bezahlen.

Idelette de Bure

Idelette de Bure, 1505 – 1549
Idelette de Bure wird 1505 im belgischen Lüttich in eine Kaufmannsfamilie geboren. Mit 20 Jahren heiratet sie den Täuferpfarrer Jan Storder, mit dem sie zwei Kinder hat. Das Ehepaar ist von den Predigten Calvins fasziniert. Sie bieten dem Reformator regelmässig eine Unterkunft in Strassburg und freunden sich mit ihm an. Als ihr Gatte an der Pest stirbt, kümmert sich Idelette de Bure um den Haushalt Calvins, dessen Gesundheit angeschlagen ist. Wenige Monate später, 1539, heiratet sie ihn auf Empfehlung von Bucer und seinen Freunden, die Calvin seine Ehelosigkeit vorwarfen und ihm eine « bescheidene, dienstwillige, in keiner Weise hochmütige oder extravagante, vielmehr geduldige und um seine Gesundheit besorgte » Frau wünschten. Als Calvin nach Genf zurückgerufen wird, folgt ihm Idelette. Sie gebärt ihm drei Kinder, die alle im Kindesalter sterben. Obschon es um Idelettes Gesundheit schlecht steht, kümmert sie sich unermüdlich um die Kranken und Armen in Genf, bis sie 1549 stirbt. Nach ihrem Tod schreibt Calvin seinem Freund Pierre Viret: « Genommen ist mir die beste Lebensgefährtin, die nicht nur willig Verbannung und Armut mit mir geteilt hätte, sondern auch den Tod. Solange sie lebte, war sie mir eine treue Helferin in meinem Amt. » Wie so oft ist es also eine Frau, die ihrem angesehenen Gatten ermöglicht, « Karriere zu machen ».

Marie Dentière, 1495 – 1561
Marie Dentière wird 1495 im französischen Tournai geboren. Sie entscheidet sich, ins Augustinerinnenkloster einzutreten, und wird Äbtissin. Als sie Luthers Schriften liest, verändert sich ihr Leben grundlegend: Marie nimmt den « neuen Glauben » an, heiratet einen ehemaligen Priester und lässt sich mit ihrer Familie in Strassburg nieder. Als sie Witwe wird, zieht sie mit ihrem zweiten Ehemann und den fünf Kindern nach Genf.
Sie ist von der – sehr protestantischen – Idee vom Priestertum aller Gläubigen höchst angetan und vertritt die Ansicht, dass dieses Priestertum auch die gläubigen Frauen einbeziehen muss; sie sollten sich öffentlich zu religiösen Themen äussern können und predigen dürfen. Allerdings muss sie ihre Chronik der Stadt Genf zur Zeit der Reformation anonym veröffentlichen. Ihre zweite Schrift, ein offener Brief, der 1539 unter ihrem Namen erscheint, ermutigt die Frauen, die Bibel zu lesen und sich ins öffentliche Leben einzubringen, was den Genfer Protestanten gar nicht gefällt.
Marie Dentière zerstreitet sich mit Calvin aus Ärger, dass die Reformation keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen bewirkt hat – diese wird noch 400 Jahre auf sich warten lassen. Ihr zweiter Gatte, der Reformator Antoine Froment, unterstützt als Einziger die avantgardistischen Ideen seiner Frau. 2002 wird eine Stele mit dem Namen von Marie Dentière beim « Reformationsdenkmal » in Genf aufgestellt. Eine reichlich posthume Anerkennung ...

Weiterführende Literatur:
Sonja Domröse: Frauen der Reformationszeit. Göttingen 2010.
Rebecca Giselbrecht, Sabine Scheuter: Hör nicht auf zu singen, Zeuginnen der Schweizer Reformation, Zürich 2016.