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INTERVIEW
Frauen, Kirche und Karriere
Interview mit Sabine Scheuter

(Noch) kein Grund, stolz zu sein!
Der Kirchenbund gibt einen Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache heraus und ernennt erstmals in seiner fast hundertjährigen Geschichte eine Frau zur Geschäftsleiterin. Steht 500 Jahre nach der Reformation also alles zum Besten für die Frauen? Antworten von Sabine Scheuter, Präsidentin der Frauenkonferenz
des Kirchenbundes.

Ist ein Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache heute nicht überholt? Vor einigen Jahren haben mehrere Mitgliedkirchen geschlechtergerechte Sprache in ihre Reglemente integriert. Heute konstatiert Sabine Scheuter in diesem Bereich einen Rückgang, stellt aber auch fest, dass selbst Frauen für dieses Thema nicht immer empfänglich sind. Es gibt gute Gründe für eine Sprache, in der beide Geschlechter berücksichtigt werden. « Es ist ein Akt der Höflichkeit »: Wenn man sich an Männer und Frauen wendet, sollen Frauen auch explizit angesprochen werden. « Man kann nicht davon ausgehen, dass sich Pfarrerinnen betroffen fühlen, wenn nur Pfarrer erwähnt werden. » Sprache spiegelt die Wirklichkeit wider, aber sie beeinflusst diese auch. Die Propheten des Alten Testaments stellen wir uns als alte Männer mit langen Bärten vor. Und die Prophetinnen,
die es auch gab? Die Frage holt sie aus der Vergessenheit und regt unsere Fantasie an.

Sabine Scheuter Präsidentin der Frauenkonferenz des SEK

Frauen als Geistliche
In der evangelischen Kirche der Schweiz gibt es zwar immer mehr Pfarrerinnen, aber das Pfarramt steht Frauen erst seit ca. 50 Jahren offen. Die Tatsache, dass eine protestantische Kirche – wie die Lutherische Kirche Lettlands – vor Kurzem ankündigte, die Frauenordination künftig verbieten zu wollen, ist eine sehr beunruhigende Entwicklung. In Genderfragen ist keine Errungenschaft jemals sicher.

In der Reformierten Kirche des Kantons Zürich arbeiten heute 38% Frauen als Gemeindepfarrerin (Mitgliedkirchen des SEK: 12% bis 51%, Durchschnitt: 34%). In Vollzeitäquivalenten ist es etwas weniger, da viele Pfarrerinnen in Teilzeit arbeiten. Frauen sind also noch weit davon entfernt, die Mehrheit im Pfarramt zu bilden, obgleich dies bei den Theologiestudierenden bereits seit Längerem der Fall ist. Die kirchliche Personalentwicklung ist gefordert: « Da die Teilzeitarbeit zunimmt, müssen wir für unsere gemischten Pfarrteams neue Arbeitszeitmodelle entwickeln. » Auch Pfarrer haben einen Vorteil von dieser Entwicklung, denn viele junge Männer möchten ebenfalls ihr Berufs- und Familienleben vereinbaren können.

Prestigeverlust?
Sabine Scheuter weist zurück, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen der – relativen – Verweiblichung
eines Berufsstandes und dem Verlust seines sozialen Prestiges gibt. Sie sieht den Zusammenhang eher umgekehrt: Frauen entscheiden sich für ihren Wunschberuf, auch wenn er kein hohes soziales Prestige mit sich bringt oder nicht besonders lukrativ ist. Für die meisten Männer hingegen sind Prestige und Bezahlung ein gewichtiges Argument.
« Seit längerer Zeit sinkt das Interesse an der Institution Kirche. Und schon seit der Aufklärung wurden Gefühle und damit auch die Religion in die Privatsphäre verbannt und an die Frauen delegiert. Diese Sichtweise wirkt sich auch
heute noch aus.»

Are you gender fit?
Der SEK hat für seine Mitgliedkirchen einen Leitfaden zu geschlechtergerechter Sprache verfasst. Der kleinformatige, praktische Leitfaden orientiert sich an den von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn publizierten Richtlinien. Er erscheint auf Deutsch und Französisch. Und damit die (geistige) Fitness keinen Muskelkater bewirkt, sollte man üben und üben …

Kirchen mit gläserner Decke
Zwar sind Frauen in Pfarrämtern relativ gut vertreten, innerhalb der Leitungsorgane sind sie jedoch deutlich unterrepräsentiert. Sabine Scheuter stellt auch hier einen Rückgang fest: Vor 10 Jahren wurden neun Mitgliedkirchen des Kirchenbundes von Frauen geleitet. Heute sind es nur noch zwei. Unter den Frauen in den kirchlichen Parlamenten und Exekutiven gibt es nur wenige Theologinnen oder Pfarrerinnen. Dies wäre jedoch für manche Leitungsfunktionen ein Vorteil oder ist gar eine Voraussetzung. Oft exponieren sich Frauen weniger gern in der Öffentlichkeit, rücken sich weniger gern in den Vordergrund oder fühlen sich nicht kompetent genug. Um hier Abhilfe zu schaffen, sind Kurse und Mentoringprogramme notwendig. « Es gibt nur wenige Frauen als Vorbilder, und Frauen haben weniger Netzwerke als Männer. Es kostet viel Mühe, für eine Leitungsposition eine Kandidatin zu finden. » Die entsprechenden Ämter müssen darüber hinaus so gestaltet werden, dass sie sich auch für eine Teilzeittätigkeit eignen. Der SEK hat dies getan, als er Hella Hoppe mit einem Beschäftigungsgrad von 80% zur Leiterin der Geschäftsstelle ernannte.

Frauen und Reformation
Die Zürcher Kirche verfügt als eine der wenigen
Kirchen über eine Expertin für Genderfragen und
« diversity management » (Integration der menschlichen
Vielfalt in die Personalpolitik). Sabine Scheuter
hat unter anderem die Aufgabe, sicherzustellen, dass
Frauenthemen in alle Projekte integriert werden, auch
in die Reformationsfeiern. Die Reformation hatte für
Frauen positive Auswirkungen, z.B. den Zugang zur
Bildung. Doch für einige hat es auch Verluste bedeutet.
So wollten etwa nicht alle Frauen die Klöster verlassen:
Denken wir nur an die Äbtissinnen, Frauen mit
Macht und Einfluss, die es nach der Reformation nicht
mehr gab. Neu war auch die Rolle der Pfarrfrauen.
« Sie haben das Bild der Ehe und der Familie geprägt.
In der deutschsprachigen Schweiz und den lutherisch
geprägten Ländern hat die Reformation zur Idealisierung
der Mutterrolle beigetragen. In Frankreich wurde
die Kindererziehung auch als Aufgabe der Kirche
gesehen, die später vom Staat übernommen wurde. »
Daher ist es dort ganz normal, dass eine Mutter berufstätig
ist und Karriere macht.

PanKS
Seit vielen Jahren treffen sich die Präsidentinnen von Schweizer Kirchen vor der Abgeordnetenversammlung AV des Kirchenbundes, um gemeinsame Themen und Traktanden der AV zu besprechen. Es gab gemeinsame Retraiten zum Erfahrungsaustausch, zur Weiterbildung und für das Buchprojekt « Wenn Frauen Kirchen leiten» (Claudia Bandixen u.a., Zürich 2006). 2014 gründete sich der Verein « Präsidentinnen, amtierende und nicht mehr amtierende der reformierten Kirchen der Schweiz PanKS». Der Verein ist unter anderem
zuständig für die Organisation des von der Reformierten Landeskirche Aargau gestifteten Sylvia-Michel-Preises zur Förderung von Frauen in der kirchlichen Führung.

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