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INTERVIEW
Ein Blick in die reformierte Zukunft
Bleiben die reformierten Kirchen ein wichtiger Faktor in der Gesellschaft? Oder haben sie sich selbst überflüssig gemacht? Kirchenbundspräsident Gottfried Locher und Zukunftsforscher Andreas Walker im Gespäch.

Herr Locher, glauben Sie an die Zukunftsforschung?

Gottfried Locher: Das Wesen der Zukunft ist, dass sie offen ist. Ich glaube deshalb nicht an die Methoden einer sogenannten Zukunftsforschung. Jede Wissenschaft und jeder Mensch mit Lebenserfahrung kann Zukunftsforschung betreiben. Eine eigene Disziplin braucht es dafür nicht.

Herr Walker, glauben Sie der Kirche?

Andreas Walker: Zunächst: Swissfuture ist Mitglied der Schweizer Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, und die Methodenkritik und Weiterentwicklung ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Um auf Ihre Frage zu antworten: Ich sehe eine Vielzahl von Kirchen, die mit einer Vielzahl von Meinungen und Positionen auftreten. Ich verstehe Kirche als Gemeinschaft vieler gläubiger Menschen, zu denen ich mich auch zähle. Den einen glaube ich, den anderen weniger.

Und – ist die Kirche glaubwürdig?

Walker: Einige dieser Menschen sind sehr glaubwürdig. Die «eine glaubwürdige Amtskirche» erkenne ich aber nicht. Und die vielen Kirchenaustritte zeigen, dass andere sie auch nicht sehen. Ich werde immer wieder zu Zukunftsdiskussionen über Werte, Moral und Ethik eingeladen. Wenn ich dann vorschlage, auch noch Theologen oder Kirchenvertreter einzuladen, wird dies selten verstanden. In vielen Expertengremien, die sich mit der Zukunft unseres Landes auseinandersetzen, fehlt die Stimme der Kirche.

Locher: Ich erlebe das ganz anders. Die Kirche wird sehr wohl als Gesprächspartner gesucht. In einigen wichtigen Gremien unseres Landes sitzen Vertreter der Kirchen. Dort geht es um konkrete Probleme der Gegenwart, und nicht um wolkige Zukunftsfragen. So ist etwa in der Ethikkommission des Bundes ein Mitarbeiter des Kirchenbunds dabei, und zwar eben gerade als bekennender Protestant, Theologe und Ethiker.

«Wer glaubt, ist frei»

Eine Chance, als Stimme hörbar zu werden, bietet das Reformationsjubiläum. Was ist die Botschaft der Reformation?

Locher: Meine Kurzformel lautet: «Wer glaubt, ist frei.» Freiheit ist das Schlüsselwort der Reformation. Die Reformatoren verstehen den Glauben als Befreiung. Deshalb haben sie sich nicht nur für eine menschenfreundliche Theologie, sondern auch für Bildung und soziale Gerechtigkeit eingesetzt.

Walker: Primär ging es in der Reformation um die Befreiung von der katholischen Kirche. Das ist heute nicht mehr nötig. Für mich hat Freiheit mit Mündigkeit zu tun. Heute erleben wir Phänomene, bei denen ich mich frage, ob wir uns nicht aus Bequemlichkeit und dem Bedürfnis nach Sicherheit entmündigen lassen. Digitalisierung, Big Data und künstliche Intelligenz fordern die Frage heraus, was ein mündiger und freier Mensch in Zukunft sein wird.

Locher: Ich glaube, dass Freiheit und Mündigkeit in allen Zeiten gefährdet sind und bleiben. Es ist Aufgabe der Kirche, die Stimme derer ins Gespräch zu bringen, deren Freiheit und Würde gefährdet ist.

Walker: Das wäre wertvoll. Der digitale Fortschritt wird unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern. Wir brauchen eine differenzierte Diskussion.

Die Reformation förderte eine Individualisierung des Glaubens, sprengte starre Strukturen und Dogmen. Heute ist Glaube Privatsache, für die es keine Kirche braucht. Hat die Reformation das Kind mit dem Bad ausgeschüttet?

Locher: Freiheit und Individualität sind etwas Wunderbares. In vielen Weltgegenden gibt es zu wenig davon. Ich möchte nichts von unseren Freiheiten abgeben. Was wir uns als Kirche aber wieder bewusst werden müssen, ist, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind, Glieder am einen Leib Christi. Wir dürfen der Überlieferung der Kirche Vertrauen schenken. Selber denken tun auch andere – wir sollten auf sie hören. In dieser Spannung zwischen Gemeinschaft und Individuum leben wir.

 

Walker: Im 19. und 20. Jahrhundert wurde unsere Gesellschaft stark normiert: Der Nationalstaat hat den Menschen zum gesetzestreuen Bürger gemacht, die Fabrik den Menschen zum folgsamen Arbeiter, die Armee den Mann zum gehorsamen Soldaten, die Volksschule das Kind zum braven Schüler. Unsere Generation erlebte einen grossen Befreiungsschlag, gegen viele institutionelle Bindungen wurde rebelliert. Doch die neue Freiheit führt viele in eine Orientierungslosigkeit, sodass bereits wieder in einer Art «Neobiedermeier» nach Tradition und Verbindlichkeit gefragt wird.

 

Davon müssten die Kirchen eigentlich profitieren. Wie sieht die reformierte Kirche in vierzig Jahren aus?

Locher: Ich weiss es nicht. Niemand kann die Zukunft voraussehen, Gott sei Dank. Wirklich Wichtiges geschieht meistens überraschend. Im Rückblick haben es dann natürlich alle kommen sehen... Für die Kirche bin ich aber optimistisch, sie hat immer Zukunft. Wir leben aus der Gemeinschaft mit Christus. Das bleibt.

Walker: Globalisierung und Migrationsströme werden weiter zunehmen. Die reformierte Kirche ist stark von der Schweizer Kultur geprägt. Ich denke, dass in Zukunft der Charakter der Kirchen viel stärker von Asiaten, Afrikanern und Südamerikanern beeinflusst wird.

 

 

Die Reformation ist eine Erfolgsgeschichte. Die Forderungen der Reformatoren nach individuellem Glauben und nach sozialer Gerechtigkeit wurden von der Gesellschaft aufgenommen. Hat sich die reformierte Kirche selbst überflüssig gemacht?

Walker: Menschen, die nach christlichen Werten streben und ihren Glauben gemeinsam leben wollen, wird es auch künftig geben. Wenn die Kirche nur zum Kulturverein oder zur politischen Partei mutiert, wird sie überflüssig.

Locher: Unsere Kirche ist eine Wohltat für unser Land. Sie ist unersetzlich, solange sie ihrem Auftrag treu bleibt: das Evangelium verkündigen in Wort und Tat.

Und dafür braucht es mehrere Kirchen?

Locher: Im Augenblick ja. Vielleicht aber nicht für immer. Kirchengeschichte ist wie ein Fluss, der sich gelegentlich in zwei Ströme aufteilt. Solange sie das gleiche Ziel haben, werden sie irgendwann wieder zusammenfinden.

Walker: Die Bedeutung der konfessionellen Milieus implodiert. Früher waren Mischehen ein riesiges Problem, heute kennen viele Leute den Unterschied zwischen reformiert und katholisch nicht mehr.

Die Bibel sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Sind die Reformierten salzig genug, Herr Locher?

Locher: Manchmal ja, manchmal nein. Jedenfalls ist es unser Auftrag, den evangelischen Widerspruch in die Welt zu tragen, überall dorthin, wo es nötig ist.

Und wie sieht das konkret aus?

Locher: Unangenehm.

Für die Gesellschaft?

L: Nein, vor allem für einen selber. Aber uns gehts noch gut – andernorts ist ein solches Zeugnis lebensgefährlich, etwa im Nahen Osten. Die Christinnen und Christen dort machen uns vor, was es heisst, dem Bösen öffentlich zu widersprechen. Solche Menschen bewundere ich.

Herr Walker, braucht die Gesellschaft das Salz der Kirche oder ist sie schon würzig genug?

W: Viele anstehende Entwicklungen könnten von diesem Salz profitieren. Ich bin mir nur nicht sicher, ob die Kirche wirklich jene Fragen und Antworten diskutiert, die uns zukunftsweisend weiterbringen. Und vor allem, ob sie uns als Kirchenmitglieder ermutigt und ausrüstet, schwierige Fragen bei Identität, Migration oder Digitalisierung anzugehen.

Interview: Felix Reich, Tilmann Zuber

Gottfried Locher ist Theologe und Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds. Andreas Walker ist und Zukunftsforscher mit eigener Firma und Co-Präsident von Swissfuture.