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INTERVIEW
So nehme mich mir Zeit…
Porträt von Ulrich Knoepfel Der Glarner Pfarrer Ulrich Knoepfel ist seit Anfang 2017 Mitglied des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK). Wir nehmen dies als Anlass, ihn besser kennenzulernen und bitten ihn um seine Version des Slogans „500 Jahre Reformation: quer denken, frei handeln, neu glauben“.

Diese Bitte irritiert ihn ein bisschen – „der Slogan kann beliebig interpretiert werden, was leider ziemlich reformiert ist“ – doch er lässt sich auf das Spiel ein. „Neu denken“ als Ausdruck einer „Sehnsucht nach Erneuerung“ spricht ihm am meisten an.

Neu denken: Pilgerreise zur Freiheit

Für ihn, der 23 Jahre Gemeindepfarrer war und seit 7 Jahren die Evangelisch-reformierten Landeskirche Glarus präsidiert, gehört es zu den Aufgaben der Kirche, über Erneuerung nachzudenken. „Das Fundament unseres Denkens und auch die Fähigkeit zu denken sind uns gegeben worden, doch das Denken muss aus seinen Bahnen und Strukturen, in denen es gefangen ist, erlöst werden. Das ist ganz im Sinn der Reformatoren vor 500 Jahren“.

Es ist vor allem die Erfahrung der Stille welche hilft, sich der Geistes­frucht und dem Gottesgeschenk des Den­kens anzunähern. „Die heutige Gesell­schaft ist sehr aufs Äusserliche hin orien­tiert. Wir müssen wieder lernen, unserer inneren Welt zu begegnen, den Symbolen des Unbewussten, der Seele.» Seit er den Weg der sogenannten „Wertimagination“ in einer Weiterbildung entdeckt hat, pflegt Ulrich Knoepfel regelmässige „Reisen in die innere Welt“. Es ist die Welt der Bilder und der werthaltigen Symbole, welche die Seele bereithält und die wir auch aus un­seren Träumen kennen. Die seelische Symbolsprache eröffnet auch neue Zugänge zum Transzendenten. Wertimaginationen kann man alleine durchführen oder aber unter kundiger Begleitung, was meist noch mehr Tie­fe eröffnet. Die Methode hat der Theologe und Psychotherapeut Uwe Bö­schemeyer entwickelt. Seinerseits ist Bö­schemeyer Schüler Viktor Frankls, des Begründers der Logotherapie, einer psychotherapeutischen Schule, welche die die geistige Dimension und die Sinnorien­tierung des Menschen betont. Ulrich Kno­epfel bekundet, dass sein Glaubensleben an Tiefgang gewonnen hat, seit er sich Zeit nimmt, sich seiner inneren Welt zuzu­wenden.

Ulrich Knoepfel, Mitglied des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK)

 „Reisen in die innere Welt“

Neu glauben

Viele Menschen sehen in der Institution „Kirche“ und dem Glauben eine Einengung. Doch das Gegenteil ist wahr: „Wenn der Glaube als Boden gegeben ist, ist es doch erlaubt, sich darauf zu bewegen. Ein Mensch, der keinen Boden hat, ist unfrei, denn er muss immer um Halt bangen.“ Ulrich Knoepfel ist überzeugt, dass sogar Atheisten an etwas glauben. Auch ihnen begegnen religiöse Symbole, wenn sie sich auf Imaginationen einlassen. Auch sie suchen einen Sinn. „Das ist ein Anknüpfungspunkt für die Kirche, die dieses Streben ernst nehmen und den Glauben im Menschen befreien sollte. Gewiss, die Kirche braucht ein Bekenntnis, ein Gerüst, doch niemand glaubt an ein Bekenntnis. Man glaubt an Gott, das Glaubensbekenntnis ist nur eine Arbeitsgrundlage“. Kann man also ein Christ ohne Dogmen sein?

Jeder Mensch sucht nach Wahrheit. Die Rolle der Kirche besteht nicht darin, sie aufzudrängen, sondern die Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Ein im Grunde genommen sehr reformierter Gedanke, „dennoch erliegen wir allzu oft der Versuchung, den Leuten zu sagen, was sie tun oder denken sollen. Die Kirche muss nicht zu allem ihren Senf geben, nur dann, wenn fundamentale Werte auf dem Spiel stehen“ (bei Menschenrechten beispielsweise).

Wann immer sich die Kirche oder ihre Vertreterinnen oder Vertreter äussern, ist in der Wahrnehmung der Menschen Gott irgendwie im Hintergrund anwesend. Ist man sich dessen bewusst, so fällt es einem leichter, die empörte Verärgerung mancher Gläubiger zu verstehen, wenn ihre Kirche eine andere Meinung vertritt als sie. „Das ist, als ob man ihnen sagte, dass Gott sie nicht mehr liebt“. Versöhnende Kommunikation ist schwierig für eine institutionelle Kirche, die hin und wieder Klartext reden muss, und damit eben mancherorts auch Unmut provoziert. Ulrich Knoepfel gesteht, dass er bei sozial­ethischen Fragen oft ratlos ist und gut versteht, dass die Leute bei diesen Themen nicht auf die Meinungsäusserung der Kirche warten. Das Leben ist nicht so einfach.

Die Theologie in der Krise: neu glauben…

Die Krise der Kirche ist nicht hauptsächlich auf die Strukturen oder das Programm zurückzuführen: Sie ist in erster Linie eine scharfe Anfrage an die Theologie, welche notabene nicht nur die theologischen Fakultäten oder die Pfarrpersonen angeht. „Zu vermitteln, dass der Tod Jesu Christi die Menschen betrifft und jeden einzelnen von uns etwas angeht, gelingt uns kaum mehr. Der Gedanke des Opfers, eine grundlegende Kategorie jeder Religion, stösst heute auf Befremden“. Wie lässt sich die existenzielle Dimension des „lebendigen Opfers“ spüren, zu dem Apostel Paulus (Römer 12,1) aufruft? Die christliche Theologie kennt viele im Grunde unerklärbare Paradoxe. „Wir müssen wieder lernen, mit diesen Ambivalenzen zu leben. Der Verstand schafft es nicht, die Seele sehr wohl!“

… in einer spannenden Zeit

Es sind gewaltige geschichtliche Umwälzungen in allen Dimensionen des Menschseins, die heute voll auf die gesellschaftliche Befindlichkeit durchschlagen. Darin gründet die Krise der traditionellen Theologie. Ulrich Knoepfel plädiert dafür, eine gewisse theologische Verlegenheit offen einzugestehen und zu bekennen, dass wir heute Suchende sind. „Und die Suche ist ja hochspannend. Denn letztlich ist es doch Gott selber, der uns zur Wahrheitssuche herausfordert. Wenn uns das Reden vom Glauben schwerfällt, so heisst das übrigens nicht, dass uns der Glaube fehlen würde! Da dürfen wir beruhigt sein. Immer schon eilte die menschliche Seele mit ihrem Glauben voraus, während Verstand und Sprache hinterher hinkten.“

„Freilich sollen und wollen wir aber nach neuer Sprache für die elementaren religiösen Sinngehalte suchen: Glauben, Erlösung, Frieden, Auferstehung, Himmelfahrt usw. Die Herausforderung liegt aber vermutlich nicht einfach in der Übersetzungskunst. Vielmehr geht es wohl darum, überhaupt den seelischen Zugang zu diesen Erfahrungen wieder neu aufzuspüren. Ich meine, die zu findende Sprache müsse tief poetisch und symbolisch, ja mystisch sein. Es gibt ermutigende Sprachpioniere, die in diese Richtung gehen, so etwa der Leipziger Theologe und Lyriker Christian Lehnert. Wir leben in einer theologisch unglaublich spannenden Zeit!“

Ulrich Knoepfel und Anne Durrer