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REFORMATION
„Zum Erbe der Reformation gehören Freiheit, Toleranz und Pluralismus“
Bundesrat Didier Burkhalter, Vorsteher des Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten, schreibt über die Bedeutung der Reformation in Gesellschaft und Politik.

Ist es Zufall, dass „Martin Luther“ heute die meistverkaufte Playmobil-Einzelfigur in der Firmengeschichte ist? Natürlich ist der Reformator in aller Munde, wenn an die 95 Thesen erinnert wird, mit denen er vor 500 Jahren eine neue Sicht der „Freiheit eines Christenmenschen“ begründet hat. Doch die Reformation ist nicht nur Erinnerung: Die Inhalte, die Luther damals zum Thema machte, haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Freiheit und Verantwortung sind auch heute fundamental, ebenso die Bildung für alle, für die sich die Reformation stark gemacht hat. Auch Toleranz und Pluralismus gehören zum Erbe der Reformation, wenn auch indirekt: Sie sind eine Folge der Bruchlinien, von denen die Reformation nicht verschont blieb und die auch zu Spaltungen und gar Kriegen führten. Mit der Zeit setzte sich aber die Einsicht durch, dass andere Glaubensinhalte akzeptiert und verschiedene Konfessionen nebeneinander existieren können.

Schon die Theologen Huldrych Zwingli, Heinrich Bullinger und Jean Calvin, die in der damaligen Eidgenossenschaft wirkten, haben auf ihre Weise die Reformation wesentlich mitgeprägt: Sie haben eigene Ansätze entwickelt und neben der individuellen Freiheit des Einzelnen auch die Bedeutung der Gemeinde betont. Mit Luther teilten sie die Überzeugung, dass es nicht bestimmte Taten sind, dank denen die Beziehung des Menschen zu Gott konstituiert wird: Diese Beziehung wird dem Menschen von Gott geschenkt und macht den Menschen frei, ein auf Gott bezogenes Leben zu führen.

Freiheit, Verantwortung, Toleranz, Pluralismus: In der Schweiz versuchen wir diese Werte zu verwirklichen: in unserer politischen Kultur, in der Aussenpolitik – und in grosser Eigenständigkeit.

Freiheit gehört für mich wie Würde und Verantwortung zu den zentralen theologischen Werten. Daraus folgt als Konsequenz, für andere Menschen da zu sein, „den Nächsten zu lieben“. In diesem Geist fordert die Bundesverfassung neben der Wahrung der Unabhängigkeit und der Wohlfahrt unseres Landes auch die Linderung von Not und Armut in der Welt, die Achtung der Menschenrechte, die Förderung der Demokratie, das friedliche Zusammenleben der Völker und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen.

Wenn die Schweiz in den Flüchtlingslagern in Jordanien und Libanon Schulen unterstützt, sollen junge Menschen so eine Perspektive für ihre Zukunft erhalten. In der Ostukraine bringen Hilfskonvois aus der Schweiz Chemikalien für die Trinkwasseraufbereitung zu den Menschen, die unter dem Konflikt leiden. Dies wie zum Beispiel auch das breite Engagement der Schweiz zur Konfliktlösung oder zum Schutz der Menschenrechte macht deutlich: Die Freiheit des und der Einzelnen, die Übernahme von Verantwortung für andere – in einem Wort: die Nächstenliebe sind auch in der Aussenpolitik keine leeren Begriffe.

Es ist gut und wichtig, dass in der Schweiz die Freiheit eines jeden Menschen hohe Bedeutung hat. Darauf können wir stolz sein – und müssen alles tun, damit dies so bleibt. Dialog und Konsens sind die Voraussetzungen, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen, die dem heutigen Gemeinwohl und auch künftigen Generationen von Nutzen sind. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Schweiz haben hier eine wichtige Aufgabe: Sie müssen Werte wie Respekt, Toleranz und Pluralismus konsequent vorleben. Diese Werte ermöglichen das gute Zusammenleben in einer Gesellschaft.

Bundesrat Didier Burkhalter